Zum Glück gibt es punkto Autismus nicht nur die gängigen Erklärungsansätze.
Sondern ergänzende und Alternative.
Hier (mit Ausnahme von Bezug auf Dr. Vermeulens Werk) kommt vorwiegend meine Meinung, weniger also wissenschaftlich belegte Fakten, zum Ausdruck. Und weniger Sachbotschaft als emotionaler Text.
Ich kann nämlich nicht glauben, dass Personen wie Professor Baron-Cohen (Anmerkung: Simon, also der Psychologe, nicht Sascha, der Schauspieler bzw. sein Cousin) mit seiner "extreme male brain" und Theory of Mind“-bzw. Empathiemangel-Theorie gänzlich recht haben können.
Ich sehe es ferner auch noch als Beleidigung an, jeder Person aus dem Autismus-Spektrum Störung (Bezeichnung ab 2022 laut ICD-11) damit auch z. B. Personen mit Asperger-Syndrom-Diagnose.
das Fehlen der Fähigkeit, zu attestieren, was in anderen Personen vorgeht.
Nicht nur, ist dies schlecht für den Ruf der Diagnose, welchen dieses "label" bekommt.
"Kalt", "psychopathisch" etc. Sondern Personen, welche sich eine Diagnose erschwindeln wollen, werden sich genau dieser Vorurteile, "Beschreibungen", Klischees usw. zu nutzen machen, wenn sie eine Autismus-Spektrum-Störung simulieren wollen.
Dabei sind viele der Probleme des Asperger-Syndroms in der Art zu denken und in der Sprache angesiedelt.
Man sollte z. B. meinen, wenn wir jemanden hernehmen, der in einem Land geboren wurde, von welchem er dessen Sprache mehr oder minder durchschnittlich bis überdurchschnittlich beherrscht, müsste diese Person gegenüber einem Migranten gar einen Vorteil in der Kommunikation haben. Wenn wir nur beispielsweise die deutsche Sprache als Beispiel hernehmen.
Und doch finden wir viele Menschen im Autismus-Spektrum bzw. auch mit dem Asperger-Syndrom , die lange arbeitslos sind und in der Kommunikation auf Neudeutsch manchmal mit dem Gegenüber "struggeln".
Und dies kann man keinesfalls auf eine fehlende Bereitschaft, soziale Normen einzuhalten, reduzieren.
Auch der Soziopath oder Psychopath, der diese nicht einhält, kann im Leben zurechtkommen und mit anderen Menschen meistens gut.
Wie ist es also zu erklären, dass "Sprache" und "Kommunikation" so oft ein Problem mit der Autismus-Spektrum-Störung darstellen? Vor allem wenn wir das Beispiel eines Migranten hernehmen.
Sofern der Migrant im Beispiel keine geistigen oder anderen die Kommunikation beeinträchtigenden Krankheiten hat und der Migrant in jeglicher Hinsicht nüchtern ist, wird dieser trotzdem in aller Regel einen Kommunikationsvorteil haben, welcher der Person mit Autismus-Spektrum-Störung verborgen bleibt.
Es gibt nämlich einerseits sogenannte Kontextsensibilität und die sogenannten "Social cues".
Zur sogenannten Kontextsensibilität gibt es eine These, die der belgische Pädagoge Dr. Paul Vermeulen aufgestellt hat.
Da ich sein ganzes Buch "Autismus als Kontextblindheit" noch nicht ganz gelesen habe, kann ich nur Teile des Mechanismus grob wiedergeben. Bitte also um Verständnis, wenn meine Auslegung hier nicht gänzlich stimmt.
Demnach weist jeder neurotypische Mensch (Personen, die z. B. keine Autismus-Spektrum-Störung
Vorweisen – ganz korrekt wäre die Aussage: Personen, die nicht neurodivers sind, weisen eine Kontextsensitivität auf.
Das Gehirn verarbeitet Kontext, kurz gesagt, auf eine andere Art als beim Menschen mit beispielsweise Asperger-Syndrom.
So besteht z. B. eine Information wie das "grüne Auto" sowohl aus der Information Auto als auch aus dem Nebenaspekt, dass dieses grün ist.
Die Autisten tun sich da schwerer, die wesentlichen Informationen "rauszufiltern".
Wenn ein Gespräch in einer internationalen Sprache erfolgt, die der Autist und der Migrant gleich gut können und deren Beherrschen nicht prioritär ist, genauso wenig wie die deutsche Sprache, und beide in etwa dieselben Fertigkeiten und Fähigkeiten haben, wäre hier die Migrantin bzw. der Migrant aufgrund der Kontextsensitivität, aber auch der Social Cues klar im Vorteil.
(In der geschriebenen Sprache spielt Kontextsensitivität eine geringere bis gar keine Rolle und Social Cues sind nicht möglich, dieses hat also etwa beim Bewerbungsprozess mit Anschreiben + Lebenslauf kaum Einfluss.)
Die Kontextsensitivität erlaubt es zum Beispiel bei Aussagen, die mehrdeutig sind, Worten, die gleichlautend sind, aber verschiedene Bedeutungen haben, oder deren Zusammenhang besser zu verstehen ist, wenn ich das große Ganze sehe, die richtige Möglichkeit intuitiv zu erkennen.
Scheinbar ist diese Fähigkeit bei der Autismus-Spektrum-Störung entweder nicht vorhanden, limitiert oder herabgesetzt, da Kontext anders verarbeitet wird.
Vermeulen schrieb dazu beispielsweise grob gesagt, dass das Gehirn beim Denken den Weg sucht, der am leichtesten ist, also quasi faul ist, oder technisch gesagt: Effizient arbeitet.
Also mit minimalem Input ein ziemlich gutes Output erreicht.
Effizienz ist nicht gerade meine Stärke, gebe ich zu. Das habe ich beispielsweise bei Tätigkeiten, die viel Organisation oder das Schreiben von Inhaltsangaben erforderten, gemerkt.
Ich habe Referate immer am liebsten am letzten Drücker erledigt, auch bei einer Buch-Präsentation, da es immer ein Horror war, sich in "Details zu verzetteln" bzw. es mir schwer vorkam, entweder eine Inhaltsangabe zu beginnen oder am Beispiel einer Recherche zu einem Thema die unwesentlichen von den wesentlichen Dingen zu trennen.
Es waren oft alle Details und Infos gleich wichtig, wenn ich z. B. an Wikipedia-Artikel denke. Horror, so etwas lesen zu müssen. Wenn ich einen Begriff oder Zusammenhang nicht verstanden hatte, musste ich sofort den nächsten Artikel laden und wurde nur nach Ewigkeiten und unzufrieden irgendwie fertig …
Systemisches Denken liegt mir da tatsächlich näher, da dann „nach Plan“, ähnlich dem Stundenplan, etwas „abgearbeitet" werden kann.
Was die Social Cues angeht: Jemand, der die Sprache nicht so gut kann, weiß sich sehr oft auf andere Weise zu helfen.
Das eine Mal, als ich in der Stadt war, fragte ein Verkäufer, ob die Masken in spezieller "color" gewünscht würden. Nun hat der Kunde diesen Satz scheinbar nicht verstanden. Dann hat der Verkäufer auf die Masken hingedeutet und der Kunde wusste, was gemeint war.
(English)
Social Cues würde man auf Deutsch mit „sozialen Hinweisen" oder „sozialen Hilfsmöglichkeiten", bzw. „sozialen Tipps" übersetzen oder mitdezenten körpersprachlichen Hinweisen.
Das macht schon einen Unterschied, ob man etwas versteht, was der andere einem sagen will.
Ein anderes Mal in einer Apotheke: "Sie wissen, wie das Medikament einzunehmen ist?". Und die Kundin verstand nicht, was die Apothekerin fragte. Darauf hat sie auf den Hals hingewiesen und die Kundin wusste darauf, was gemeint war.
Bzw. hat sagen können, wie oft eines der Medikamente normalerweise eingenommen würde.
In wieder einem Fall wollte jemand Honig kaufen und machte, weil dies nicht verstanden wurde, das Geräusch einer Biene nach.
Zugegeben, das ist nicht wirklich ein „Social cue", soll aber verdeutlichen, dass Sprachbarrieren prinzipiell was Natürliches sind.
Nach diesem langen Exkurs in den Bereich der These um die "Kontextblindheit" und dem gesamten zusammenstellen dieses Blogs kam ich zu folgender Meinung:
Der These der Kontextsensitivität (siehe auch Beispiele, wie sich das auswirkt), welche einen Teil der Diagnose erklärt, kann ich persönlich jedenfalls für meinen individuellen Fall sehr viel mehr abgewinnen als einigen anderen der Problemfelder, welche im Zusammenhang mit dem Asperger-Syndrom auftauchen.
Quellen:
Wikipedia: Peter Vermeulen, Artikel auf niederländisch
https://en.wikipedia.org/wiki/Social_cue 06.06.2022, en.wikipedia.org
Eigene Beobachtungen (nur Social cues, Baron-Cohen )
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